Klinische Studien: Planung und Teilnehmer
Im Juni 2022 wurden die Ergebnisse der TENT-A2-Studie mit Lenire veröffentlicht. Diese bestätigten, dass eine nachhaltige Linderung von Ohrgeräuschen durch die Behandlung mit Lenire möglich ist. Doch was benötigt es vor dem Start einer klinischen Studie und wie kommt die Diskrepanz zwischen Interessenten und tatsächlichen Teilnehmern zustande? Dieser Beitrag wirft einen Blick hinter die Kulissen von klinischen Studien und liefert Antworten zu diesen Fragen.
Planung und Vorarbeit

Steht die Durchführung einer neuen klinischen Studie im Raum, müssen zunächst zwei Fragen geklärt werden: Zum einen ob überhaupt Bedarf für ein weiteres Forschungsvorhaben oder -projekt besteht, zum anderen ob es ein sinnvolles Studiendesign und eine angemessene Methode gibt um die Fragestellung zum Sachverhalt beantworten zu können (vgl. Chan und Kollegen (2007)). In sorgfältiger Vorarbeit muss das bestmögliche Design für die konkrete Fragestellung ausgearbeitet werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Finanzierung. Wie viel wird die geplante Studie kosten, wer finanziert sie und wie werden die Teilnehmer eventuell für ihren Aufwand entschädigt? Mehr zum Thema industriefinanzierte Forschung finden Sie hier.
Welche Studiendesigns stehen zur Wahl und für welche Fragestellungen werden sie eingesetzt?
Nachfolgend erläutern wir Ihnen vier mögliche Studiendesigns und wie diese auf spezifische Fragestellungen angewendet werden. Wenn Sie mehr zum Thema erfahren möchten, finden Sie weitere Details unter den unten angegebenen Referenzen.
- Bei Querschnittsstudien werden einmalig Daten aus einer Stichprobe erhoben. Dabei geht es also um eine mehr oder weniger aussagekräftige Momentaufnahme. Entscheidend bei diesem Studiendesign ist die Stichprobenauswahl, denn nur auf diese Population können danach plausible Vermutungen angestellt werden. Dieses Design könnte z.B. für eine Umfrage eingesetzt werden, um das Vorkommen von einer Krankheit in der allgemeinen Bevölkerung zu untersuchen. Querschnittstudien sind kostengünstig und eignet sich insbesondere um Prävalenzen zu untersuchen.
- Bei der Fall-Kontroll-Studie handelt es sich um eine Observations-, also Beobachtungsstudie. Diese vergleicht eine Gruppe mit einem bestimmten Merkmal (z.B. einer Krankheit) mit einer Gruppe ohne das Merkmal (z.B. Gesunde). Eine Fall-Kontroll-Studie eignet sich daher besonders um spezifische Ursachen für Erkrankungen zu untersuchen. Hier besteht das Risiko von Verzerrungen durch die Selektion der Fälle, sowie durch Erinnerungseffekte. Da es sich nur um eine beobachtende Studie handelt ist dieses Design ebenfalls kostengünstig.
- Auch die Kohortenstudien fallen unter den Begriff der Beobachtungsstudie. Die Teilnehmer werden ohne vorgegebene Intervention über einen bestimmten Zeitraum begleitet. Sie kann prospektiv (neue Daten werden gesammelt), oder retrospektiv (mit bereits existierenden Daten) durchgeführt werden. Auf diese Weise kann man z.B. einen natürlichen Verlauf einer Krankheit untersuchen. Die Ursache wird jedoch nicht geklärt und es können keine Aussagen zur Wirksamkeit einer Behandlungen getroffen werden.
- Bei den Studien zu Lenire handelte es sich um Randomisierte kontrollierte Studien (engl. randomized controlled trials, RCTs). Hier wird die therapeutische oder schädigende Wirkung einer Intervention gegenüber Kontrollbedingungen bestimmt. Die Zuteilung in die Interventions- und Kontrollgruppe erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Die Zufallsverteilung sichert die Studie gegenüber systematischen Fehlern durch die Stichprobenauswahl ab und erhöht somit die Validität. Die Ergebnisse liefern meist eindeutige Aussagen zur Wirksamkeit, lassen sich jedoch aufgrund der meist spezifischen Stichprobenauswahl (Ein- und Ausschlusskriterien) nicht immer direkt auf die Gesamtpopulation übertragen.
Interessenten vs. Studienteilnehmer an klinischen Studien
Warum gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen den Anfragen interessierter Personen und den letztendlich teilnehmenden Probanden?
Für die Teilnahme an der TENT-A2-Studie mit Lenire gab es insgesamt 5575 Interessenten, doch nur 191 Personen nahmen schlussendlich an der Studie teil. Warum ist das so?

- Kontraindikationen können diese die Teilnahme verhindern.
- Interessenten die entsprechende Teilnahmekriterien nicht erfüllen, werden von der Studie ausgeschlossen. Teilnahmekriterien sind für jede Studie anders. Sie hängen von der Fragestellung und dem Studiendesign ab. Lenire ist beispielsweise ein Medizinprodukt zur Behandlung von chronisch subjektivem Tinnitus bei Erwachsenen. Interessenten im Alter unter 18 Jahre oder mit einem akuten Tinnitus (< 3 Monate) erfüllen beispielsweise nicht die Anforderungen und werden aus der Studie ausgeschlossen.
- Das Studiendesign kann bestimmte Herausforderungen an die Zusammensetzung der Stichproben in den zu untersuchenden Gruppen stellen. Das kann dazu führen, dass geeignete Studienteilnehmer ausgeschlossen werden müssen, da ihre Ausprägung überrepräsentiert ist. Ein Beispiel hierzu wäre, dass in der Kontroll- und Interventionsgruppe gleich viele Männer und Frauen untersucht werden sollen. Melden sich jedoch mehr Frauen als Männer, dann müssen einige Interessentinnen letztlich ausgeschlossen werden.
Auch interessant: Menschen die freiwillig an einer Forschung teilnehmen, teilen durchschnittlich bestimmte Merkmale. Dazu gehören eine höhere Gewissenhaftigkeit, Extrovertiertheit und Verträglichkeit, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (vgl. Lönnquist et al., 2007).
Referenzen
Chan S, Jönsson A, Bhandari M. Planning a clinical research study. Indian J Orthop. 2007 Jan;41(1):16-22. doi: 10.4103/0019-5413.30520. PMID: 21124677; PMCID: PMC2981888.
Lönnqvist, J.-E., Paunonen, S., Verkasalo, M., Leikas, S., Tuulio-Henriksson, A. and Lönnqvist, J. (2007), Personality characteristics of research volunteers. Eur. J. Pers., 21: 1017-1030. https://doi.org/10.1002/per.655